Mittwoch, 17. September 2008

Der Schutzanzug

Im Hausflur ist es angenehm kühl. Ich springe die Treppe herunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmen. In Gedanken bin ich bei dem gestrigen Abend. Endlich habe ich die Frau, die ich schon seit Wochen heimlich anschmachte, kennengelernt! Heute abend werde ich sie wieder sehen! Energisch reiße ich die Haustür auf und trete auf die Straße. Klackend fällt die Haustür hinter mir ins Schloss.
Glühende Hitzewellen rollen auf mich zu, überspülen meinen Körper, versengen meine Haut. Ich verbrenne.
Erschrocken suche ich den Himmel ab. Doch da ist nichts, nur unendlich blaue Weite. Nicht der Schimmer einer Wolke. Jetzt ein Glas Wasser trinken!
Besorgt sehe ich auf meinen geröteten Arm, der sich unterhalb des Handgelenks schon zu schälen beginnt. Siedendheiß fällt mir ein, dass ich heute morgen im Überschwang meiner Gefühle vergessen habe, die Durchsage der Ozonwerte anzuhören. Auch auf das Thermometer habe ich keinen Blick geworfen. Wie heiß es jetzt wohl sein mag, so früh am morgen, 43, 44 Grad? Ich muss unbedingt ins Haus zurück und meinen Schutzanzug anziehen. Aber wo ist der Hauseingang?
Salziger Schweiß läuft in Strömen meine Stirn herab und verklebt mir die Augen. Ich drehe mich mehrmals um mich selbst und lasse meinen Blick unsicher über die Straße streifen. Das trocknende Salz lässt meine Augen tränen. Durch den Tränenschleier sehe ich undeutlich eine gelbrote wabernde Masse vor mir, von der sich die Konturen der Häuser dunkel und verschwommen abheben. Offensichtlich ist die Straße menschenleer. Welches der Häuser ist nur meins?
Es wäre sinnlos, an irgendeinem beliebigen Haus zu klingeln, da die Bewohner von der Regierung nach den vielen Überfällen ausdrücklich dazu aufgefordert wurden, Fremden die Türen nicht zu öffnen.
Panik befällt mich. Ich öffne meinen Mund um gellend nach Hilfe zu schreien, aber meine Zunge scheint am Gaumen festgeklebt zu sein, ich bringe nur ein kleines krächzendes „Hilfe“ heraus.
Ich spüre, dass sich die Haut meiner Arme jetzt in großen Fetzen ablöst. Als die Hitze das Fleisch trifft, schreie ich vor Schmerz auf. Ich beginne um mich zu schlagen um meinen unsichtbaren Feind zu vertreiben und biete so doch nur noch mehr ungeschützte Angriffsfläche. Der Schmerz ist unerträglich.
Ich beginne zu taumeln und sinke auf den heißen, aufgeweichten Asphalt, dessen aufgespeicherte Wärme sich wie mit glühenden Nadelspitzen durch mein T-Shirt und meine Jeans frisst.
Es riecht nach verbrannten Haaren und nach verbrannten Fleisch. Dann rieche ich nichts mehr.
Ich träume von kühlen, blauen Wellen, die mich zuerst sanft umspülen, dann immer größer und größer werden und schließlich über mir zusammenschlagen.

© Monika Richrath

1 Kommentar:

Ute Ziemes hat gesagt…

Reaktionen:

Ohje, ohje ...
Ohje, ohje ...
Verbrannte Haare?
Ohwei ...

Heiße Sache!